Was mir Donald Trump über Yoga lehrte…

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Die fünf Yoga-Lektionen von Donald Trump:

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(c) dpa

Von der Trump-ocalypse ist schon die Rede. Und 11/9, in Anlehnung an 9/11, sagen die Amerikaner schon zu jenem Tag, an dem Donald Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt worden ist. 

In meinem Brotberuf, im Politik-Ressort der Tiroler Tageszeitung, war ich ganz nahe dran an dem ganzen Trump-Wahnsinn.

Der Tag begann für mich früh, sehr früh. Als an diesem Mittwoch um 3.45 Uhr mein Wecker geklingelt hat, weil ich aus purer Neugier sowie persönlichem und politischem Interesse wissen wollte, wie die Wahl ausgeht, zeichnete es sich schon ab. Trump holte Florida, dann Ohio – und alles war klar. In Florida lag laut Umfragen Hillary Clinton immer vorn – und wer Ohio gewinnt, gewinnt die Wahl, das war schon immer so.

Ich war noch in der Nacht zwar so schockiert von den Geschehnissen, doch ich hatte keine Lust, meinen wertvollen Schlaf ausgerechnet für Donald Trump zu opfern. Und als ich dann am Morgen wieder vor dem Fernseher saß und der Schrecken tatsächlich zur Gewissheit geworden ist, war ich wie paralysiert. Ich starrte auf den Bildschirm, hatte Bauchschmerzen, fühlte mich ohnmächtig, von der Welt betrogen und irgendwie am Abgrund, an der Klippe vor dem Weltuntergang.

„Einatmen. Ausatmen“, sagte ich mir vor. Keine Chance, es wollte nicht so richtig.

„Bewegen?“ Nein, no way, ich war gefesselt vor dem Bildschirm und schaltete aus reinem Masochismus auch noch von CNN auf Russia Today um. „He did it his way“ flackerte dort über den Bildschirm.

„Und loslassen“, hörte ich meine innere Stimme im Yogi-Singsang. Wovon? Ich fühle mich ja schon leer, so ohnmächtig. Mir fehlten die Worte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich an diesem Tag überhaupt fähig sein würde, über den ganzen Wahnsinn sachlich, distanziert und einigermaßen intelligent zu schreiben.

Mit ein paar Stunden Distanz bin ich wieder in mir angekommen. Auf eine bizarre Art und Weise bin ich diesem noch bizarreren Donald Trump sogar dankbar.

Ich bin mal wieder einem riesigen Säbelzahntiger begegnet, in Person von Trump, dem es zwischenzeitlich sogar gelungen ist, mich platt zu machen. Trotz Yoga, trotz allem theoretischen und praktischem Wissen wie „man“ mit dem, was uns packt und stresst und belastet umzugehen habe, habe ich mich  mitreißen und runterziehen lassen. Klarheit im Geist? Pustekuchen. Yogisch-positives Denken? Sch*** darf. 

Doch dann war auf einmal Yoga wieder da. Om tönte es in mir.  Ich fühlte mich wieder lebendig. Ich konnte wieder atmen und mithilfe des Innehaltens in der Stille bei mir selbst ankommen. Und so hat mich dieser Tag mit Donald Trump meinem Yoga wieder ganz nahe gebracht und mir diese fünf Lektionen erteilt.

 

  1. hillary
    Wäre ich in den USA wahlberechtigt, hätte ich Hillary Clinton meine Stimme gegeben. Mit gutem Gewissen. (c) dpa

    Lass deine Emotionen heraus! Der Diskurs mit Kollegen, die ebenso fassungslos, schockiert, innerlich wütend und gedanklich gelähmt waren wie ich. Wir fluchten und schimpften und waren entrüstet über das Wahl-Ergebnis, über die Trump-Wähler. Wir kämpften uns durch Sitzungen, diskutierten, tauschten Argumente und Positionen aus, knobelten an neuen Ansätzen, wie man einen Tag wie diesen auch journalistisch irgendwie den Umständen entsprechend aufarbeiten könnten.
    Über all das, was mich so bewegte, zu sprechen, und auch mal den Ärger herauszubrüllen, das hat mich enorm befreit. Auch das Schreiben war dann für mich wie eine Aufarbeitung.
    Denn wie oft tun wir das auch sonst ganz bewusst? Wie oft schlucken wir stattdessen die Emotionen hinunter, sagen jetzt einfach nicht das, was wir denken sondern sind still, um einem Konflikt oder einer Konfrontation auszuweichen. Wie oft stehen wir öffentlich nicht zu unserer Meinung? Schweigen, wenn uns Unrecht getan wird. Und noch öfter schweigen wir, wenn anderen Unrecht alten den Mund, wenn uns etwas ärgert. Viel zu oft. Und das ist ungesund. 

  2. Tue das, was du tun kannst. Das Wahlergebnis in den USA kann ich als kleine Österreicherin nicht verändern. Das muss ich annehmen und einfach hinnehmen. Akzeptieren ja, aber doch nicht einfach hinunterschlucken. Aber im Rahmen meiner Möglichkeiten, gibt es kleine Schritte, die ich ganz bewusst tun kann. Ich bin keine glühende Feministin, aber die endgültige Abschaffung von Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen sind mir ein Anliegen. Und genauso ist es mir eine Herzensangelegenheit, Sexismus und frauenverachtende Äußerungen nicht umkommentiert stehen zu lassen. Dankenswerterweise habe ich hin und wieder bei der Zeitung und auch hier im Blog die Möglichkeit, mit meinen Gedanken die Menschen zum eigenen Denken anzuregen, Missstände aufzuzeigen und neue Impulse geben.
    Was ich an jenem Mittwoch also tun konnte, war aufzuzeigen, wie dieser frauenfeindliche Populist ohne Konsequenzen Frauen beleidigen und damit noch die Wahl gewinnen kann. Basierend auf dem Wahlergebnis müssen auch sehr viele Frauen den bekennenden Grabscher gewählt haben. Doch Donald Trump wird gerade die Probleme, vor denen die ganz normale US-Frau jeden Tag immer wieder steht, weitgehend ignorieren wird: Einkommensunterschiede, teure Kinderbetreuung, enorm kostspielige Bildung für die Kinder und und und. Das is wirklich traurig. 
  3. Kehr zurück in dein „Jetzt“.
    अथ योगानुशासनम्

    atha yoga-anuśāsanam. YS I.1.
    „Lasst uns jetzt anfangen, Yoga zu erfahren.“ Mit diesem Satz beginnt das Yoga Sutra von Patanjali. Und es ist für mich einer der ganz ganz wichtigen. In jedem Moment, in dem wir atmen, können wir ansetzen, die Dinge zu verändern, etwas anzupacken, etwas verändern. Und dieser Moment ist genau jetzt. Atha, jetzt, wo du diesen Text liest und jetzt, wo du darüber reflektierst. Yoga erinnert uns damit immer wieder, uns am Hier und Jetzt zu orientieren, nicht in der Vergangenheit zu hängen und die Erfahrungen und Prägungen von Einst in die noch unbekannte Zukunft zu projizieren. Im Hier und Jetzt ist unser Leben. Im Hier und Jetzt spielt sich dein Leben ab. Und im Hier und Jetzt können wir wachsen. Im Hier und Jetzt an diesem denkwürdigen Tag in der Redaktion konnte ich zuerst gar nichts, außer einfach da sein.
    Und dieses Jetzt kann uns in den kleinsten Zeiteinheiten begegnen. „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum, In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Das sagte schon der Arzt und Entwickler der Logopädie Viktor Frankl – noch lange bevor Yoga bei uns verbreitet war. Und das ist einer meiner liebsten yogischen Sätze, denn er liefert ein sehr anschauliches Bild, wie ich versuchen kann, schwierige und stressige Situationen zu meistern und selbst proaktiv zu beherrschen. In einem Moment des Innehaltens und Reflektierens kann ich achtsam reagieren auf das, was gerade auf mich hereinschwappt.
    Oft hilft es, im Jetzt anzukommen und von dort aus Schritte zu setzen anstatt über die Vergangenheit zu grübeln. „Weine nicht über vergossene Milch“, sagte meine Mutter immer, „wische sie auf.“
  4. Richte dich am Gegenteil aus!
    Setze Kontrapunkte.

    वितर्कबाधने प्रतिप्रक्षभावनम्
    vitarka-bādhane pratiprakṣa-bhāvanam, heißt es in Patanjalis Yoga Sutra II.33.

    „Wenn uns Zweifel plagen, hilft es diese verschwinden zu lassen, indem man sich bewusst auf das Gegenteil ausrichtet“, kann eine Übersetzung dieses Verses sein. Für mich ist dieser Ansatz zu einer sehr wertvollen Praxis im Umgang mit schlechten Gefühlen oder der Abwärtsspirale im Gedankenkarussell geworden. Durch das Kultivieren des Gegenteils, durch das Reflektieren über eine Gegenströmung können zerstörerische und negative Gefühle und Gedanken nach und nach aufgelöst werden.
    Du hast es selbst in der Hand, die Gegenbewegung einzuleiten. Schwimmst du mit dem Strom oder hältst du dagegen? Wenn uns das Gefühl und die Wahrnehmung, dass sich mit diesem Mann im Weißen Haus die Welt hin zu Gewalt, Hass, Dunkelheit und Egoismus bewegt, können wir gar nicht anders und müssen selbst die Gegenbewegung sein. Indem ich mich immer wieder daran erinnere und daran orientiere, was für mich im Leben zählt, nämlich Harmonie, Liebe, Licht und mich mit Menschen umgebe, die diese Werte teilen, kann ich einen Kontrapunkt setzen.

  5. Sag ja. Bedingungslos. Gegen etwas zu sein, ist einfach und geht schnell. Doch mach stattdessen das Ja zu deinem Leitspruch. Ja, packen wir es an, das Leben. Ein Ja ist so viel stärker als ein Nein, es ist ein starkes Bekenntnis zu dem was dir wichtig ist. Sag ja zu dir, zu deinem Leben, zu deinen Werten. „Ich bin dafür“ sang schon Udo Jürgens:

    „Ich bin dafür, dass Widerspruch erlaubt ist,ich halte ihn sogar für eine Pflicht.Und dass die Jungen eig’ne Wege gehen,ob das den Alten recht ist oder nicht. {…} Ich bin dafür, dass wir als Menschen lebenund nicht als stummes, braves Herdentier,dass wir nicht kriechen, dass wir uns erheben.Ich bin dafür.{…} Ich bin dafür, dafür zu sein für alles,was nicht Gewalt ist, Bosheit oder Gier. Und wenn es Lehrgeld kostet, ich bezahl es. Ich bin dafür.“

    jaMehr denn je habe ich an diesem Mittwoch JA zum Yoga gesagt. Es war mir ein Herzensanliegen, am Abend noch meine Mittwochabendstunde im Body-Mind zu unterrichten, für meine treuen Yogis da zu sein, trotz wenig Schlaf und gerade wegen des intensiven Arbeitspensums. Ich war zwei Minuten zu spät, meine Teilnehmer saßen schon auf der Matte und wir haben zuerst einmal nur über Politik geredet. Die politischen Geschehnisse bewegten alle und wir übten gemeinsam, im Mysore Style, in der Stille und sagten damit einfach JA zu uns. Es entwickelte sich eine ganz besondere positive, inspirierende Energie im Raum, der uns alle tief berührte. Und dafür bin ich dankbar, dass ich von meinen Schülern auch immer so viel Kraft und Energie bekomme.

Mit einem weiteren „JA“ schließe ich diesen langen Text.
Ja, im Yoga dürfen wir politisch sein, und ja, manchmal muss man im Yoga sogar politisch sein. Das heißt nicht, dass wir Werbung für bestimme Personen oder Parteien machen sollen oder entsprechende Meinungen propagieren sollten. Nein, wir sollten unsere Yogaschüler dazu anregen, sich selbst eine Meinung über aktuelle Themen zu bilden und Ereignisse kritisch hinterfragen.

Wir können Yoga nicht vom Weltgeschehen abkoppeln und unsere Matte und die Praxis von allem, was um uns herum geschieht, isoliert betrachten. Das würde bereits den Begriff „Yoga“ in seiner ganz ursprünglichen Bedeutung, nämlich jener von „Einheit“ pervertieren. Als Yogis und Yogalehrer fordern wir es auch von unseren Schülern ein, das Leben zu reflektieren und neue Wege zu gehen. Ich rege meine Teilnehmer auch immer dazu an, Yoga ins Leben mitzunehmen. Also ist es nicht zu viel verlangt, aufmerksam zu beobachten, was in der Welt politisch passiert.

Politisch zu sein, heißt für mich eben nicht, auszugrenzen oder zu diskriminieren. Daher heiße ich alle Menschen unabhängig von der politischen Gesinnung in meinen Stunden willkommen. Ich verurteile niemanden, der aus persönlichen Gründen Trump oder sonst einen mir ungeeignet scheinenden Politiker gewählt hat, sondern kann immer nur für mich sprechen. Ich ziehe auch den Hut vor Twee Merrigan, einer geschätzten Yogalehrerin, die ich einmal treffen durfte, weil sie offen dazu steht, für Donald Trump gestimmt zu haben. Ich  respektiere jede demokratische Entscheidung und die freie Meinung jedes einzelnen.

Auch auf meinen persönlichen Weg wird sich mit Trumps Wahlsieg zunächst mal gar nichts ändern. Politiker kommen und gehen. Und Politik ist so viel mehr als ein Wahlergebnis. Und ich werde weiter meinen Weg gehen, Yoga an meine Schüler weitergeben, sie inspirieren und nach wie vor und unerlässlich an das Gute in jedem Menschen glauben, daran, dass in jedem von uns ein Licht strahlt.

Wenn um uns herum politisch aber Hass und Missgunst verbreitet wird, dann müssen wir es sein, die durch die eigene Praxis uns unser tägliches Tun das Bewusstsein für das große Ganze, für Umweltschutz, für Nachhaltigkeit, Gesundheit, Harmonie und Frieden erwecken. Und durch unser Wirken können wir diese Einstellung auch weitergeben, nein wir müssen es sogar. Wenn auf politischer Ebene Schritte gesetzt werden, die uns von diesen Zielen und Werten entfernen, sehe ich es als meine Aufgabe an, das anzuprangern. Ich möchte Vorreiterin sein, inspirieren und im Kleinen Dinge bewegen, die vielleicht groß werden. Denn Politik fängt bei jedem einzelnen an.

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